Christlich motivierter Umgang mit den Toten
 

Für uns Christen ist bedeutsam, in welcher Haltung wir dem Tod und den Toten begegnen. Weder peinliche Todesverdrängung oder leichtfertiges Vergessen der Toten noch ängstliche Fixierung des Todes oder übertriebener Leichenkult geziemen uns.

Die Bedeutung des toten Körpers

Mit dem toten Körper sind Lebenserinnerungen verbunden. Angesichts des Leichnams ist die Thematisierung des Abschieds berechtigt. So, wie es einmal war, wird dieses Leben nie mehr gegeben sein; dieses Leben, die Geschichte dieses Lebens ist vollendet. Insofern kann die liebevolle Zuwendung zum Leichnam die Äußerung von Besinnung, Dank und Abschied sein. Die Trauer kann und darf sich äußern. Der Umgang mit der Leiche (Anschauen, Berühren, Waschen, Ankleiden) kann auch dazu verhelfen, in sich Scheu und Angst vor Sterben und vor Sterbenden sowie vor dem Tod zu überwinden.

Auch der tote Körper hat seine Würde. Er bewahrt noch eine Weile die menschliche Gestalt und zeigt etwas von der Persönlichkeit, zu der dieser Körper gehörte. Ja, er kann einen Menschen in seiner leiblichen Erscheinung wie auch in seiner geistigen Gestalt noch einmal ganz zum Ausdruck bringen. Nicht von ungefähr lassen manche Angehörige Totenmasken abnehmen, die das Bild des Verstorbenen ausdrucksvoll bewahren. Der tote Körper verweist ganz auf den, der tot und abwesend ist und uns dennoch im Leichnam eine vorübergehende Form leiblicher Nähe hinterlässt.
 
Es ist der Leib der Mutter oder des Vaters, dem Angehörige ihr Leben verdanken; es ist der Leib des Freundes, dessen Nähe Beziehung und Liebe vermittelt hat, es ist der Leib, der die Spuren körperlicher Arbeit aufweist bzw. mit dem geistige Arbeit geleistet wurde; es ist der Leib, der im Leben die Wundmale von Krankheit und Schmerzen, von Behinderung, von Alter und Verfall getragen hat - Wunden, die in der Verklärung des Auferstehungsleibes Ewigkeitswert erhalten.

Für Christen ist dieser Körper miteinbezogen in die Umprägung zum „Tempel des Heiligen Geistes“ durch die Taufe, die Berührungen Christi wurden ihm zuteil in den Salbungen der Sakramente: der Taufe, der Firmung, der Priesterweihe und der Krankensalbung. Dieser Leib wurde genährt durch das Brot des Lebens, die heilige Eucharistie, die Arznei der Unsterblichkeit; er wurde geheiligt im Sakrament der Ehe, damit Menschen auch in der gegenseitigen leibhaften Zuwendung zueinander zum Zeichen der Nähe und Liebe Gottes werden.

Durch die Organe des Körpers haben sich Menschen an der Schönheit der Schöpfung erfreut und Gott in ihr erahnt. Sie haben damit das Wort Gottes aufgenommen und es in die Tat umgesetzt. Der Leib des Menschen ist das Ursymbol der Zuwendung Gottes zur Welt, aber auch der Zuwendung des Menschen zu Gott und seinen Mitmenschen. In Jesus von Nazaret hat das ewige Wort des Vaters ,,Fleisch angenommen aus Maria, der Jungfrau. Er hat wie wir leibhaft gelebt, geliebt und gelitten bis zur Lebenshingabe am Kreuz.

Der ehrfurchtsvolle Umgang mit dem Leichnam Jesu bei seinem Tod und seinem Begräbnis war in der Geschichte der Kirche stets Impuls für einen pietätvollen Umgang mit den Toten. Das Bild der Mutter Maria mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß, die Pietá, war und ist für Christen eine Einladung zur Nachahmung dieser Pietá. Die Tatsache, dass Jesus entsprechend dem unehrenhaften Kreuzestod in größter Einfachheit in einem fremden Grab bestattet wurde, macht uns aber auch darauf aufmerksam: weder ein pompöses Leichenbegängnis noch eine prunkhafte Grabkultur entsprechen dem Geiste Jesu.

Zu üppige Aufwendungen für den Leichnam (Sarg, Aufbahrungsart, Grabschmuck), bringen nicht selten Schuldgefühle, Reue oder den Wunsch der Angehörigen nach Wiedergutmachung zum Ausdruck. Die christliche Besinnung müsste klarmachen, dass es das Gedenken der Verstorbenen, die Bekundung der Reue und des Nichtgesagten gibt. Der Friedhof kann (muss aber nicht) der bevorzugte Ort der Aufarbeitung des Versäumten sein.


Pietätvoller Umgang mit dem Leichnam

Aus all diesen Überlegungen ergibt sich für uns Christen ein besonderer, von Einfachheit und Gläubigkeit geprägter pietätvoller Umgang mit den Toten. Und auch die Fragen nach der Form der Bestattung und den Gestalten der Trauer hängen damit zusammen. Zuweilen zitierte Worte aus der Heiligen Schrift wie: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24,5), oder: „Lasst die Toten ihre Toten begraben.“ (Mt 8,22), nach denen angeblich Trauer und Sorge um die Toten den Christen nicht geziemten, geben wegen des ganz anderen ursprünglichen Sinnzusammenhanges für diese Fragen nichts her. Schließlich ließ sich Jesus in Bethanien wenige Tage vor seinem Tod mit kostbarem Öl salben und deutete dies als berechtigte Sorge um seinen Leib im Blick auf sein bevorstehendes Begräbnis.

Der Umgang mit dem Leichnam lässt heutzutage zuweilen die menschlich und christlich gebotene Pietät vermissen. Auch in den Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, in denen ja überwiegend und zunehmend die Menschen sterben, wird recht unterschiedlich mit den Toten umgegangen. Einerseits gibt es dort das bewusste Bemühen, die Toten würdevoll aufzubahren und den Angehörigen Räume und Zeiten zur Abschiednahme vom Verstorbenen zur Verfügung zu stellen. Andererseits werden Verstorbene in unwürdigen Räumen (z. B. im Keller des Hauses) für die möglichst rasche Abholung aufbewahrt. Eine würdige Verabschiedung ist dann kaum möglich. Nicht selten werden bei Neubauten von Kliniken und Altenheimen überhaupt keine Räume zur Aufbahrung und Verabschiedung eingeplant: der Tod und die Toten haben keinen Platz mehr unter den Lebenden. Kirchliche wie kommunale Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime sollten darum bemüht sein, durch eine würdig gestaltete Verabschiedung Zeugnis abzulegen von der Würde der Verstorbenen und einen menschlich-christlichen Umgang mit ihnen.


Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Unsere Sorge um die Toten und die Hinterbliebenen. Bestattungskultur und Begleitung von Trauernden aus christlicher Sicht (Die deutschen Bischöfe, Heft 53 vom 22 11.1994)