Ein Brief an einen trauernden Menschen
 
Die meisten Menschen müssen irgendwann in ihrem Leben den Verlust eines Menschen erleiden Wir alle reagieren hierauf in ganz unterschiedlicher Weise. Trauer ist etwas sehr Schmerzhaftes und kann völlig unerwartete Gefühle und körperliche Beschwerden hervorrufen. Deshalb sind die folgenden Informationen vielleicht für Sie hilfreich.

Es kann sehr schwer sein, einen Verlust zu akzeptieren. Deshalb werden Sie vielleicht an sich selbst bemerken, wie Sie sich darum bemühen, den Tod des geliebten Menschen einfach nicht wahrhaben zu wollen. Dabei ist es dann gar nicht ungewöhnlich, dass Sie sogar das Gefühl haben, den verstorbenen Menschen leibhaftig gehört oder gesehen zu haben. Viele trauernde Menschen fühlen sich in dieser Zeit angespannt und zerschlagen; es fällt ihnen schwer, zu essen oder zu schlafen. Trauer ist eine Sache, die viel Zeit braucht und außerordentlich anstrengend ist.

Vielleicht durchleben Sie Verzweiflung und Depressionen und stellen fest, dass Sie alles Interesse am Leben verloren haben. Vielleicht haben Sie das Gefühl, dass „nichts mehr geht“. Vielleicht haben Sie auch den Eindruck, dass kein anderer Mensch das jemals h gemacht hat, was Sie jetzt erleben.
Dies sind alles ganz natürliche Reaktionen auf den Verlust eines Menschen und nicht etwa ein Zeichen dafür, dass Sie „durchdrehen“.
Sie werden viel Leid und Traurigkeit empfinden. Zusätzlich werden Sie vielleicht auch einige der folgenden Gefühle erfahren: Selbstkritik und Schuldgefühle, Panik, Selbstmitleid und Wut, Ungeduld mit anderen Menschen (sogar mit dem verstorbenen Menschen). Wenn Sie solche Gefühle in sich spüren, kommt es Ihnen vielleicht so vor, als sollten Sie sie am besten verbergen. Tatsächlich sind diese Gefühle aber ein ganz normaler Teil des Trauerprozesses. Scheuen Sie sich nicht davor, diese Gefühle mit einem teilnahmsvollen Zuhörer zu besprechen.

Vielleicht verletzt es Sie jetzt, dass Sie das Gefühl haben, einige der Familienangehörigen und Freunde gehen Ihnen aus dem Weg. Dies passiert leider tatsächlich oftmals. Meistens liegt es daran, dass diese Menschen nicht recht wissen, was sie zu Ihnen sagen sollen. Es wäre deshalb gut, wenn es Ihnen gelänge, den ersten Schritt auf die anderen zu zu tun. Lassen Sie die anderen wissen, dass Sie gerne über den geliebten Menschen sprechen würden, und die Unterstützung anderer Menschen benötigen.

Manchmal wird es Ihnen sehr verlockend vorkommen sich vorzustellen, einfach umzuziehen und all Ihr Hab und Gut schnell zu verkaufen oder es kommt Ihnen angenehm vor, den Kontakt zu anderen Menschen zu vermeiden. Das ist ein ganz normaler Drang, wenn wir Menschen versuchen,> schmerzhafte Dinge zu vermeiden. Bedenken Sie allerdings, dass rasche Veränderungen Ihrer Lebenssituation ihr Befinden eher verschlechtern können. Deshalb sollten einschneidende Pläne für Veränderungen sehr sorgfältig bedacht werden. In jedem Fall werden Sie mit vielen schmerzhaften Gefühlen konfrontiert werden, durch die Sie sich durcharbeiten müssen, ehe Sie beginnen können, Ihr Leben wieder neu zu ordnen. Es kann viel Zeit vergehen.

Aber im Laufe der Zeit wird der Schmerz allmählich geringer werden. Sie werden sich dann zunehmende in der Lage fühlen, sich zurückzuerinnern, ohne gleich völlig unglücklich zu werden. Dies kann dann für Sie der richtige Zeitpunkt sein, Ihr Leben wieder neu aufzugreifen. In dieser Zeit kann es wichtig sein, ältere Interessen zu erneuern und neuen Beschäftigungen nachzugehen. Vielleicht kommt es Ihnen so vor, als wurden Sie der verstorbenen Person gegenüber untreu. Aber Sie können ganz sicher sein: Das, was in der Vergangenheit geschehen ist, wird immer ein Teil von Ihnen bleiben und dies wird nicht dadurch beeinträchtigt, dass Sie die Gegenwart voll genießen.

Trauer ist ein außerordentlich individueller Prozess und jeder von uns reagiert in der Trauer ganz unterschiedlich. Deshalb sollten Sie sich auch nicht in irgendeiner Weise als „unnormal“ empfinden, wenn Ihre Trauer ganz anders verläuft, als oben beschrieben. Es ist vor allem wichtig, dass Sie sich selbst erlauben, zu trauern.

Im Laufe der Zeit kann es dann aber auch wichtig werden, dass Sie sich ab und an erlauben, die Trauer einmal ruhen Zu lassen. Irgendwann (vielleicht schon nach Monaten, vielleicht auch erst nach Jahren) werden Sie schließlich spüren, dass Sie gelassener zurückzublicken vermögen: Die angenehmen und fröhlichen Erlebnisse mit dem Verstorbenen werden Sie fröhlich und nur die traurigen und schmerzhaften auch weiterhin traurig machen. Dann werden Sie vielleicht auch, in der Lage sein, Ihrer Liebe wieder ein neues Ziel zu geben.

Nach einer Informationsschrift des St. Christopher’s Hospiz, London (1985)